24.4.2017

Die Kinder singen grad immer ein Lied von Mark Forster (ja, schlimm). Im Text kommen Humboldt, Steve Irwin und Indiana Jones vor. Jetzt wollen sie natürlich wissen, wer das jeweils ist. Parallel schreiben auf Twitter immer wieder Eltern, wie schwer es ist, schlafende Babies oder Kleinkinder abzulegen ohne das sie aufwachen.

Da ist es mir eingefallen. In der Anfangssequenz von Raiders of the Lost Ark muss Indy ein Säckchen Sand auf den Sockel legen und gleichzeitig die goldene Statue anheben. Nur wenn das Säckchen gleichschwer und im richtigen Moment auf dem Sockel liegt, gehen die Pfeilschussanlagen nicht an. Inhaltlich und mechanisch ist es zwar nicht ganz dasselbe, aber von der Anspannung,  Konzentration und Präzision her ist das eigentlich die perfekte Szene um auch kinderlosen Menschen klar zu machen, wie schwierig und diffizil es ist, ein schlafendes Baby vom Arm abzulegen. Und das es am Ende eben meistens nicht klappt.

Lästern mit Kindern? Eben nicht egal!

In der aktuellen Nido-Ausgabe gibt es die Geschichte „33 Dinge, die mit Kindern erst so richtig SpaĂź machen“. Eines von diesen 33 Dingen ist „Lästern“. Der oder die Autorin Autor (es handelt sich um eine Sammelgeschichte, die einzelnen Texte sind nicht namentlich gekennzeichnet) ist der Meinung, daĂź gemeinsames Lästern „das Band zwischen meiner Tochter und mir stärkt.“ und dass das aber nicht so schlimm sei weil die belästerte Person das ja nicht mitbekommt. Im konkreten Fall wird ĂĽber eine „sehr korpulente Frau“ gelästert. Das Lästern ist wichtig, weil Tochter und Autor dadurch zu einem „Stamm“ werden. Der ganze Text ist nicht online, deshalb hier ein Auszug.

Unabhängig von einer Grundsatzdiskussion über Lästern und was das überhaupt für eine Beziehungsbildung zum Kind ist, die auf Vorurteilen und Ausgrenzung von anderen Menschen basiert, Folgendes:

„Papa, findest Du mich zu dick?“, „Der XXX hat gesagt, die YYY ist zu fett und muss eine Fettabsaugung machen. Stimmt das?“

Das sind zwei Fragen, die ich in den letzten zwei Jahren von meiner jetzt siebenjährigen Tochter gestellt bekommen habe. Ich hatte mit ihr bisher nicht darüber geredet, ob sie zu dick ist oder was eine Fettabsaugung ist.

In beiden Fällen wurde das Thema von gleichaltrigen Kindern aufgebracht. Wie kommen diese Kinder auf sowas? Offenbar gibt es in ihrem Umfeld erwachsene Personen, die Körpergewicht und Fettabsaugung thematisieren und sich über dicke Menschen lustig machen.

Es ist eben nicht egal, wenn man mit seinen Kindern über Andersartigkeiten von Menschen lästert. Der lästernde Erwachsene formt damit direkt das Menschenbild des eigenen Kindes (was mir noch egal sein kann), er formt damit aber auch ganz konkret das Menschen- und v.a. Selbstbild meiner Tochter (weil Kinder sowas eben nicht für sich behalten, wie es Erwachsene vielleicht können).

Es ärgert mich, mit welcher Selbstverständlichkeit das in dem Textkasten verharmlost, als erstrebenswert und beziehungsfördernd angepriesen wird. Ich habe wirklich gar keinen Bock darauf, dass sich meine siebenjährige Tochter schon Gedanken darüber macht, ob sie zu dick ist!

 

Disclosure: Ich hab frĂĽher fĂĽr Nido gearbeitet und bis vor kurzem noch die Links der Woche fĂĽr Nido.de geschrieben.