Zündfunk Netzkongress 2016

Dieses Jahr war ich schon wieder auf dem Zündfunk Netzkongress und hab mir die folgenden Vorträge angeschaut.

Evgeny Morozov – What is technological sovereignty

Es war Freitag Abend, ich schon ein bisschen müde und die volle Stunde konnte ich dem Vortrag leider nicht folgen. So viel habe ich mitgenommen: Morozov versteht sich nicht als Technikfeind (zu dem ihn seine Kritiker gerne mal machen), sondern kritisiert gezielt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht, die die großen Internetkonzerne seit Jahren anhäufen. Die macht sie immer unverzichtbarer und höhlt Demokratie, staatliche und gesellschaftliche Solidarstrukturen aus, sind im Endeffekt also nochmalige Beschleuniger der neoliberalen Marktideologie. Als Beispiele führt er, erwartbar, AirBnB (sinngemäß: „private Wohnungen werden zu EC-Automaten gemacht“) und Uber an. Morozov scheint mir in seinen Ansichten sehr absolut und pessimistisch. Dirk von Gehlen hat sich schon 2013 mit seinem Buch auseinandergesetzt und kritisiert das da auch. Wenn ich ihm da auch nicht überall folgen kann, viele Punkte erscheinen mir durchaus plausibel und diskutabel.

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Digitale Teilhabe: Technologie für Alle

Bei der Gesprächsrunde ging es darum, wie digitale Medien Menschen mit Behinderung mehr gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Die Moderatorin wirkte dabei bei vielen Fragen etwas verunsichert und uninspiriert. Das wurde aber von den offenen und unterhaltsamen Gästen locker wieder ausgeglichen. Alle Teilnehmer der Runde haben mit Beispielen aus (ihrem) Leben klar gemacht, was gesellschaftliche Teilhabe konkret bedeutet, wo Ihnen digitale Tools helfen und wo es immer noch Missstände gibt. Auf Anregung von Michel Arriens hab ich mir gleich die App Be my eyes installiert. Dort können blinde Menschen, wenn sie z.B. vor einem Vorstellungsgespräch stehen, sehende Menschen kontakten und mithilfe der Smartphonekamera nachfragen, welches Hemd besser zu ihrer Hose passt.

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Tobias Langer – I like Buttplugs and i can not lie!

Tobias Langer hat ein paar Jahre für einen Sex-Chat-Anbieter gearbeitet und erzählt eine Stunde lang von den unterschiedlichen Fetischen, die ihm dabei (und bei seinen anderen Expeditionen durch Grinder/Tinder und Schwulenclubs) untergekommen sind.

Im Nachhinein hat mich der Vortrag ziemlich geärgert.

In permanenter Dauerüberdrehtheit rauscht Langer durch seine Powerpointslides und handelt einen Fetisch nach dem anderen ab. Haha, Hihi, Hoho, Oha und Igittt! Und zwischendrin musste dann auch noch irgendwo Pädophilie platziert werden (die vollkommen richtig eingeordnet wurde, aber halt überhaupt nicht zum restlichen Vortagsstil gepasst hat). Die Message am Ende: Jeder muss seine Sexualität (im legalen Rahmen) ausleben, sonst wird man auf Dauer nicht glücklich.

Außerdem fand ich seine anfänglichen Schilderungen aus dem Sex-Chat-Maschinenraum größtenteils unerträglich. Keine Ahnung, warum es lustig sein soll Hartz4-Empfänger und Akademiker (Telefonrechnung von über 20.000 €) mit Fake-SMS abzuzocken.

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Liane Bednarz – Der neurechte Griff nach dem Bürgertum

Liane Bednarz (die nicht mit Klaus Bednarz verwandt ist) stuft sich selbst als liberal-konservativ ein. Von ihrer bisherigen Autorentätigkeit habe ich, bis auf ihre Analyse der Sprachverrohung durch AFD und Pegida, wenig wahrgenommen. Und genau darum ging es auch in ihrem Vortrag. Sie zeigt anschaulich, wie rechte Politiker gezielt sprachliche Grenzen immer weiter ausdehnen, welche intellektuellen Vordenker dahinter stecken und wie Begriffe dadurch auch gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden.

Sie zieht dabei auch eine klare Grenze zwischen rechten Ideologen und Konservativen. Sie gesteht ein, dass konservative Publizisten die AFD die letzten Jahre unter- oder falsch eingeschätzt haben, sieht aber jetzt z.B. bei Jan Fleischhauer klare Anzeichen für ein Umdenken. Fleischhauer arbeitet sich seit kurzem auch immer wieder an den Inhalten von AFD und Pegida ab.

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Patrick Gensing – Flüchtige Moderne 2.0

Thematisch die ideale Fortsetzung zum Vortrag von Liane Bednarz. Patrick Gensing (ehemaliger Betreiber von publikative.org) befasst sich in seinem Vortrag v.a. mit den Aussagen von AFD-Björn Höcke und zeigt wie geschlossene Social-Media-Systeme populistische Thesen groß machen können. Am Ende wird auch ein bisschen über Gegenstrategien geredet. Da ist aber noch kreative Luft nach oben.

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Biohacking: Crispr-Technologie zur Lösung der Antibiotikakrise

Der Biologe Rüdiger Trojok berichtet von der OpenBio-Szene. Biologen, die sich, unabhängig von Pharmafirmen, zusammenschließen und DIY-BioHacking ermöglichen wollen. D.h. zum einen Hardware, die normalerweise wahnsinnig teuer ist, günstig und offen zu produzieren, so daß sie jeder nachbauen kann und zum anderen alle Forschungsergebnisse offen und ohne primäre Gewinnabsichten zu publizieren. Als konkretes Beispiel führt er die Phagentherapie an, die eine Alternative Behandlungsmethode von bakteriellen Infektionen bieten könnte und damit das Problem der zunehmenden Antiobiotikaresistenzen lösen würde und die bisher von großen Pharmafirmen wenig beachtet wird. Trojoks Ansatz wirkt für mich als Laien durchaus fundiert und plausibel. Er argumentiert sachlich und geht auch in der anschließenden Diskussion auf die möglichen Risiken ein, die ein DIY-Genlabor für jedermann darstellen kann.

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Dongheui Lee, Ulrich Eberl – Can robots learn from humans?

Von dem Vortrag hab ich mir nur den Anfang angeschaut, als der Roboter Tai-Chi gemacht hat. Dann hatte ich Hunger. Ich glaube aber, die Frage im Vortragstitel kann mit „Ja“ beantwortet werden.

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@HILLARYCLINTON VS. @REALDONALDTRUMP

Per Skype-Schalte waren die SZ-Wahlkampfbeobachter Johannes Kuhn, Hakan Tanriverdi und Matthias Kolb zugeschaltet. Jeder hat so ein bisschen von seinen unterschiedlichen Wahlkampfbeobachtungen erzählt. Das war ganz unterhaltsam, wenn nicht dauernd die Skype-Verbindung abgebrochen wäre. Anscheinend hing der Präsentationslaptop tatsächlich im selben WLAN, wie alle anderen Netzkongressbesucher. Ich find ja WLAN bei einer Skype-Konferenz schon riskant, aber dann auch noch im selben Netz wie alle Zuschauer?

Interessanter Funfact: Tweets von Android kommen direkt von Donald Trump, iOS-Tweets von seinem Team (sagt zumindest Matthias Kolb)

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Gut gegen Böse. Alle gegen alle. Wie ein erzählerisches Prinzip unser Weltbild prägt.

Almut Schnerring und Sascha Verlan versuchten aufzuzeigen, wie in den Medien mit Hilfe klassischer, aristotelischen Erzähltechniken, gesellschaftliche Gräben befördert werden (mehr dazu auch im Blog von Verlan). Also daß eine Geschichte einen Protagonisten, Antagonisten, einen Konflikt und Fallhöhe braucht.

Didaktisch machten sie das teilweise sehr eindrucksvoll (in dem sie z.B. ein Absperrband quer durch den Raum zogen und immer mal wieder in theaterähnliche Dialoge switchten).

Auch inhaltlich fand ich den Vortrag in großen Teilen interessant und bedenkenswert. Es ging z.B. um Stereotype in Hollywoodfilmen und wie sie im Zusammenspiel mit der sogenannten „Quellenamnesie“ die Gesellschaft beeinflussen. Wenn man also bei einem Fakt nicht mehr so genau weiß, wo man ihn herhat. Aus der Tagesschau oder der TV-Serie 24. Die Vortragenden zitierten eine Umfrage nach dem beliebtesten US-Präsidenten, bei der David Palmer ganz gut abschnitt (Quelle dazu kann ich nicht finden, leide also vielleicht auch schon an Quellenamnesie).

Ein großer Vorwurf ging auch an den Journalismus, der angeblich immer mehr zum Storytelling übergeht und Geschichten, die nicht der erwähnten klassischen Erzählstruktur folgen, links liegen lässt. Fundament dieser Aussage war ein Storytellingkurs der Bayerischen Akademie der Presse, der nur kurz in einem Slide gezeigt wurde. Ich habe auf der Webseite genau diesen Kurs mit der Aussage nicht finden können, aber einen ähnlichen, in dem explizit Hollywood als Story-Vorlage genannt wird). Ob man daraus jetzt gleich auf eine globale Unterwanderung des Journalismus durch Hollywood-Mechanismen schließen kann darf bezweifelt werden.

Und all das führt eben zu immer neuen oder sich manifestierenden, gesellschaftlichen Gräben mit WIR gegen DIE.

Die pauschalisierende Art der Kritik hat mich an dem Vortrag gestört. Es ist halt in allen Bereichen nicht schwarz/weiss oder rosa/blau. Das ist ein bisschen schade, weil ich viele der Ansätze, Gedanken und Kritikpunkte durchaus nachvollziehbar fand und vieles bei meinem eigenen Medienkonsum genau so beobachten kann.

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Alle Videos vom Zündfunk-Netzkongress 2016 findet man hier.

4 Gedanken zu „Zündfunk Netzkongress 2016“

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