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21st Century Digital Boy

Internet und Smartphone – The Kids are alright!?

Auf der re:publica13, einer Konferenz für Internet und Gesellschaft, gab es letzte Woche auch einige Vorträge und Diskussionsrunden, die sich damit beschäftigten, wie ständig verfügbares Internet und Smartphones die Entwicklung unser Kinder beeinflussen, wie man damit umgeht und wie man die Medienkompetenz der Heranwachsenden fördern kann. Einige davon konnte ich mir anschauen, und sie veranschaulichten recht schön den momentanen Status Quo und den Weg, wo es vielleicht hingehen könnte, ja, hingehen muss.

Geschützte Bereiche

Es fing am Montag an mit “Kinderkram: ‘So nutzen Kids das Web’”. Auf dem Podium saßen v.a. Macherinnen von “kindgerechten” Webseiten, wie z.B. der Kindersuchmaschine fragfinn.de, der Community PanFu oder dem deutsch-französischen Kooperationsprojekt “Die bösen Wölfe”. Allesamt Seiten, die sowohl grafisch, als auch inhaltlich speziell auf die angenommenen Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten sind. Hört man aber genauer hin, stellt man fest, dass es bei diesen Seiten noch um ein anderes Bedürfnis geht: das der Eltern nach Kontrolle. Da ist von moderierten Chats, 60 Moderatoren, die jede eingetippte Nachricht der Kinder erst freischalten, Blacklists, Greylists, Zeitlimits und Elternverifikation die Rede.

Let’s play!

Das genaue Gegenteil konnte man sich einen Tag später beim Vortrag “Gaming-Kultur in Asien – Lernkultur in Deutschland?” von Christoph Deeg vorführen lassen. Im Auftrag des Goethe-Instituts erforschte er einige Wochen die Gaming-Kultur in Asien und speziell in Südkorea. Und sollte nur die Hälfte davon so sein, wie er es in seinem euphorischen Vortrag beschrieben hat: Wow! WTF!? und: OMG!

In Kürze: Mitte der 90er entschied sich Südkorea inmitten einer Wirtschaftskrise zur kompletten Digitalisierung der Gesellschaft. Highspeed-Internetausbau für ALLE, Computer und Tablets in wirklich JEDEM Klassenzimmer von der Grundschule an, neue Soft -und Hardware, Förderung der Digitalwirtschaft, Schulungen für ALLE Bevölkerungsgruppen. Kurz: Die Schaffung einer komplett neuen digital-kulturellen Infrastruktur.

Teil dieser neuen Gesellschaft wurde sehr schnell die Gaming-Kultur. Gaming ist in Südkorea gesellschaftlich so anerkannt, wie bei uns vielleicht Fußball oder Chorsingen. Pro-Gamer der E-Sport-Ligen sind Stars, deren Spiele in riesigen Arenen und vor Millionen Fernsehzuschauern ausgetragen werden. Das Spielen ist, klar, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Aber auch: Lehrmittel für Medienkompetenz, sozialer Faktor, natürlicher Teil der Lernumgebung und Motor für den Internetausbau. Das geht soweit, dass Eltern angeblich für ihre Kinder im Online-RollenspielMapleStory weiterspielen, so lange diese ihre Hausaufgaben machen, damit sie in der Spielwelt nicht hinter ihren Freunden zurückfallen.

Ja, die asiatische Kultur ist eine andere, ja, Christoph Deeg ist schon aufgrund seines Berufs sicher nicht unvoreingenommen und ja, bei dem ersten Panel wurde durchaus auch kritisch Stellung bezogen. Aber die beiden Beispiele markieren ganz gut zwei extreme Standpunkte, zwischen denen es sich lohnt, Mittelwege zu suchen.

Chancen statt Gefahren

In Deutschland wird das Digitale, nicht nur auf Kinder bezogen, aber auch, v.a. problem- und gefahrenorientiert diskutiert. Internetkriminalität,Kinderschänder im Netz und soziale Verwahrlosung durchInternetsucht. Gleichzeitig wissen wir aber, dass die Zukunft und eigentlich auch schon die Gegenwart irgendwie digital ist und sein wird, handeln aber in der Erziehung unserer Kinder nur bedingt danach.

In unserem Haushalt z.B. werden Smartphone und Tablet eigentlich ständig (von meiner Frau und mir) benutzt. Und unsere Kinder sehen das. Wenn sie dann aber selbst mal touchen wollen, müssen sie mich immer erst überreden. Ich setze Zeitlimits oder erlaube die Nutzung ausnahmsweise, weil mir die Ablenkung gerade gelegen kommt. Dabei hat man dann immer ein schlechtes Gewissen. Würde mein Sohn beispielsweise drei Stunden am Stück Ballett tanzen oder meine Tochter ein 90-minütiges Fußballspiel absolvieren, käme ich nie auf die Idee, das zu reglementieren oder mir sonst wie Gedanken zu machen. Das ist ein bisschen schizophren und verrückt.

Hanna Rosin schreibt in einem Artikel über “The Touch-Screen-Generation” in The Atlantic über die Möglichkeiten, die die neuen Technologien Kindern eröffnen. So ist es laut neueren Studien ein großer Unterschied, ob man z.B. passiv Programm konsumiert oder aktiv in ein Spielgeschehen eingreift. In letzterem Fall werden durchaus kognitive Fähigkeiten und soziale Kompetenzen, wie z.B. der Umgang mit Frust geschult. Gleichzeitig fand sie bei ihren Recherchen viele Entwickler von Kinder-Apps, die ihren eigenen Kindern auch nur restriktiv Zugriff auf Tablet und Smartphone gewährten. Am Ende startete sie einen Selbstversuch mit ihrem eigenen, vierjährigen Kind. Sie platzierte das iPad direkt im Kinderzimmer, zwischen allen andere Spielsachen und gewährte ihrem Sohn dauerhaften und unbegrenzten Zugriff auf das Gerät.

This was extremely annoying and obviously untenable. The week went on like this—Gideon grabbing the iPad for two-hour stretches, in the morning, after school, at bedtime. Then, after about 10 days, the iPad fell out of his rotation, just like every other toy does. He dropped it under the bed and never looked for it. It was completely forgotten for about six weeks.

Ihr Kind verlor also nach anstrengenden zwei Wochen das Interesse am Gerät, und es war nur noch ein Spielzeug unter vielen.

Ich kenne keine Eltern, die für so eine extreme Maßnahme Nerven und Konsequenz mitbringen, aber das Beispiel sollte uns ein wenig die Angst nehmen und Vertrauen in unsere Kinder zurückgeben.

Die Kinder in künstliche, moderierte Biotopcommunities zu sperren wird nur begrenzt funktionieren. Solche Seiten können ein guter, begleitender Einstieg ins Netz sein. Aber irgendwann wird der Nachwuchs über den digitalen Zaun zu Facebook und youtube springen. Und dabei sollten wir sie begleiten, ihre Fragen beantworten und sie irgendwann dann einfach mal machen lassen.

Unseren Kindern diese, primär auf Vertrauen basierende Medienkompetenz zu vermitteln ist sowohl eine private, als auch ein gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Wenn man die Digitalisierung und deren Bedeutung wirklich ernst nimmt, sollte man auch auf politischer Ebene weniger Energie auf Netzzensur und Vorratsdatenspeicherung verwenden, als vielmehr auf eine komplett umgekrempelte Bildungspolitik, die sich an den neuen digitalen Möglichkeiten orientiert. Tanja und Johnny Haeusler brachten das auf der re:publia in ihremRundumschlag-Rant wie folgt auf den Punkt:

Wir brauchen unsere Kinder nicht mit Fakten zuzustopfen,
sondern wir müssen sie lehren,
sich in gigantischen Wissensarchiven zurecht zu finden
und sich zu vernetzen,
damit sie selbst noch gefunden werden.

Die erste Generation hat sich sowieso schon, unbeobachtet von uns Erwachsenen, ihre eigene Nische geschaffen. Auf einem weiteren Panelstellten sich drei deutsche Youtube-Stars um die Zwanzig vor. LeFloid vermittelt altersgerecht Nachrichten, Simon W. hat Erfolg mit seinemMinecraft-Channel und Amy Herzstark gibt Tipps für alle Lebenslagenund berichtet aus dem ersten Lebensjahr ihres Kindes. Alle drei haben Abonnentenzahlen im fünfstelligen Bereich und finanzieren sich teilweise ihr Studium durch den youtube-Kanal. Das nötige Know-How dazu haben sie sich ohne ihre Eltern mit dem und über das Netz selbst erarbeitet.

Begreifen wir das Netz also als Chance für unsere Kinder und gestalten es gemeinsam mit ihnen, ohne sie zu sehr einzuschränken. Geben wir ihnen die Freiheit, das zu machen, was sie wollen, auch wenn das Kontrollverlust bedeutet (und mögen mir meine Kinder diesen Satz um die Ohren hauen, wenn ich in fünf Jahren die Nerven verliere und ihnen Chat-Verbot erteile). Dann werden die 21st Century Digital Boys and Girls hoffentlich nicht ganz so depressiv, wie es Bad Religion bereits vor 23 Jahren wissen wollten.

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